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Gutes Storytelling: gute Storys gut erzählen

Gutes Storytelling besteht aus zwei Elementen: einer guten Story und einer guten Erzählung dieser Story.

Die Unterscheidung zwischen Geschichte und Erzählung ist in der fiktionalen Dramaturgie grundlegend. Geschichte meint dabei das WAS erzählt wird, den (fiktiven) Inhalt. Sie stellt Ereignisse und Handlungen in ihrem kausalen Zusammenhang chronologisch dar, fängt also salopp formuliert vorne an und hört hinten auf, hat eine Bedeutung und ergibt Sinn.

Geschichte = Inhalt: WAS soll erzählt werden? – Entwicklung
Erzählung = Form: WIE soll dieses Was erzählt werden? – Gestaltung

Erzählung bedeutet das WIE dieses Was erzählt wird, die Form. Dieses Wie meint zum einen die Antwort auf die Frage, welche Informationen der Geschichte den Rezipientinnen und Rezipienten wann, wie und warum (mit welcher beabsichtigten kognitiven Wirkung) vermittelt werden.

Zum anderen bezieht es sich auf die Frage, wie mit der Chronologie der Ereignisse und Handlungen einer Geschichte umgegangen wird. Eine Erzählung kann der Chronologie folgen oder sie durchbrechen und die Ereignisse und Handlungen a-chronologisch – also auf verschiedenen Zeitebenen oder mittels Flashbacks und Flashforwards – abbilden.

Entsprechend dieser Unterscheidung zwischen Geschichte und Erzählung lassen sich zwei Kategorien von dramaturgischen Werkzeugen unterscheiden:

  • Entwicklungswerkzeuge, um eine gute Story zu entwickeln
  • Erzählwerkzeuge, um eine gute Story gut zu erzählen

Entwicklungs- und Erzählwerkzeuge

Die Entwicklungswerkzeuge wiederum lassen sich entsprechend der drei Dimensionen einer guten Geschichte in drei Kategorien einteilen (siehe Kapitel 1 bis 4 des Storytelling-Handbuchs):

  • Werkzeuge zur Entwicklung der thema- und werteorientierten Dimension (Was ist das kognitive Thema? Welcher universelle Wert (= emotionales Thema) steht auf dem Spiel? Wie lautet die zentrale Frage, auf die die Geschichte eine Antwort gibt? Welche Botschaft wird vermittelt?)
  • Werkzeuge zur Entwicklung der protagonistenzentrierten Dimension (Wer ist der Hauptprotagonist? Was ist sein Ziel? Warum will er dieses Ziel erreichen? Was ist seine größte Sehnsucht, seine Vorstellung von einem glücklichen Leben? Was ist seine größte Angst? Wie verändert er sich im Laufe der Geschichte? Wer oder was sind seine antagonistischen Kräfte? etc.)
  • Werkzeuge zur Entwicklung der konfliktbasierten Dimension (Was ist der zentrale Konflikt eines Themas oder einer Person? Wie ist dieser Konflikt entstanden? Wie wird oder wurde er ausgetragen? Wie wird, wurde oder könnte er aufgelöst werden?)

Die Erzählwerkzeuge lassen sich in zwei Kategorien einteilen:

  • Erzählmuster zur zeitlichen Strukturierung der Handlungen und Ereignisse einer Geschichte (chronologisches und a-chronologische Muster, Flashback-Muster, sequentielle und episodische Erzählmuster)
  • Erzähltechniken zur optimalen Platzierung einzelner Informationen (Momentum, Säen und Ernten, Suspense, Überraschung, Ellipse usw.)

Schlechtes und gutes Storytelling

Die Unterscheidung zwischen Geschichte und Erzählung ist auch im Storytelling wesentlich. Das Schlimmste, was einem im Storytelling passieren kann, ist eine schlechte Story schlecht zu erzählen. Ein derart schlechtes Storytelling erzielt im besten Fall keine Wirkung.

Schlechte Storys schlecht erzählt

Wahrscheinlicher ist, dass es eine nicht beabsichtigte Wirkung erzielt: Die Rezipientinnen und Rezipienten verstehen die Story und ihre Botschaft nicht oder falsch und/oder wenden sich mit einer negativen Meinung vom Storyerzähler ab.

Das Zweitschlimmste ist, eine schlechte Story gut zu erzählen. Denn wenn die Story schlecht ist, kann man noch so gut erzählen – man erzählt eine schlechte Story. Sie wird nicht besser, nur weil man sie gut erzählt.

Schlechte Storys gut erzählt

Was in der Story nicht funktioniert – widersprüchlich, unlogisch, unplausibel etc. ist –, funktioniert auch in der Erzählung nicht: Es bleibt widersprüchlich, unlogisch, unplausibel.

Ein solches Storytelling wird also ebenfalls nicht die erwünschte Wirkung erzielen, weil seine Inhalte nicht nachvollziehbar sind und/oder sie nicht die beabsichtigte Botschaft vermitteln.

Gute Story schlecht erzählt

Besser ist es da schon, eine gute Story schlecht zu erzählen. Eine schlechte Erzählung kann zwar die beste Story kaputt machen. Aber auch, wenn man eine gute Story schlecht erzählt, erzählt man immer noch eine gute Story, deren Inhalte und Botschaft die beabsichtigte Wirkung entfalten können – sofern die Rezipientinnen und Rezipienten aufgrund der schlechten Erzählung nicht irgendwann aussteigen.

Eine schlecht erzählte gute Story ist deshalb immer noch besser als eine gut erzählte schlechte Story. Deshalb ist im Professionellen Storytelling die Entwicklung der Story wichtiger als die Entwicklung der Erzählung. Das heißt aber nicht, dass die Erzählung unwichtig ist. Denn in einer schlechten Erzählung geht die positive Wirkung, die die gute Story erzielen kann, immer auch mit einer negativen Wirkung aufgrund der schlechten Erzählung einher.

Gute Storys gut erzählt

Storytelling kann also nur dann die beabsichtigte Wirkung bei den Rezipientinnen und Rezipienten erzielen, wenn es eine gute Story gut erzählt.

Richtiges und falsches Storytelling

Da eine Story eine reale Geschichte ist, sie sich also immer auf die Realität – ein reales Ereignis oder eine reale Person – bezieht, und ihre Richtigkeit an der Realität gemessen wird, setzt eine gute Story ein gutes Verständnis ebendieser Realität voraus.

Um dieses Verständnis zu gewinnen, wendet man die wichtigsten Werkzeuge, mit denen fiktionale Autorinnen und Autoren ihre Drehbücher, Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Hörspiele und Games entwickeln, auf die Realität an: dramaturgische Fragen.

Realität verstehen…

Diesen Fragen ist es reichlich egal, ob man mit ihnen eine fiktive Figur und eine fiktive Geschichte entwickelt oder ob man sie einer realen Person stellt oder ein reales Ereignis mit ihnen analysiert (siehe auch „Wie funktioniert Storytelling?“).

Die Antworten auf sie führen immer zu bestimmten Erkenntnissen über und einem bestimmten Verständnis von Realität, auf dessen Grundlage sich bestimmte Inhalte entwickeln lassen.

…Inhalte entwickeln…

Diese Inhalte können nun als Story gestaltet werden – müssen es aber nicht. Sie können auch in anderen Formen vermittelt werden: als Reportage, Dokumentation, Porträt, Präsentation, Whitepaper, Parteiprogramm usw. Allerdings bringt es eine Reihe von Vorteilen, sie als Story zu erzählen (siehe hierzu „Warum erzählen wir Geschichten?“).

…Storys erzählen.

Gutes Storytelling beginnt also mit der Wahrnehmung und Analyse eines bestimmten Realitätsausschnitts, über den die Story erzählen soll, und endet mit der Erzählung einer Story über diesen Realitätsausschnitt.

Gutes Storytelling erfolgt entsprechend in drei Schritten (siehe auch „Was ist Professionelles Storytelling?“):

  • einer guten Analyse der Realität, um ein bestimmtes Verständnis von ihr zu gewinnen
  • einer guten Entwicklung von Inhalten auf der Basis dieses Verständnisses
  • einer guten Erzählung dieser Inhalte als Story

Das ist der Grund, warum Storytelling immer eine riskante Art der Kommunikation ist: Man muss so viel richtig machen und kann dabei so viel falsch machen.

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