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Warum erzählen wir Geschichten?

Geschichten prägen von Kindheit an unseren Alltag und unser Leben. Warum ist das so? Warum erzählen und rezipieren wir Geschichten? Weil das Geschichtenerzählen eine ganze Reihe von Vorteilen bringt:

Dieser Artikel ist ein leicht gekürzter Auszug aus meinem Storytelling-Handbuch.
  • Geschichten machen Abstraktes konkret, Sachliches lebendig und Komplexes einfach, indem sie Themen anhand von konkreten Personen, ihren Konflikten und ihren Versuchen, diese Konflikte zu lösen, darstellen.
  • Geschichten sind unterhaltsam. Sie wecken unsere Aufmerksamkeit und binden und befriedigen unser Interesse, weil sie uns nicht nur kognitiv involvieren, sondern emotional erlebbar sind.
  • Geschichten zeigen Bedeutungszusammenhänge klarer auf und erschaffen Sinnstrukturen, an die die Menschen anknüpfen können. Es macht einen Unterschied, ob ich beispielsweise die Inhalte meines Werdegangs chronologisch darstelle und lediglich sage, dass ich mich seit 2007 mit Storytelling beschäftige, oder ob ich sie als Story gestalte. Durch eine Story bekommen sie eine Bedeutung, weil sie darstellen, wie ich zum Storytelling gekommen bin und warum ich Storytelling betreibe.
  • Mittels Geschichten lassen sich Wissen leichter vermitteln, Inhalte besser verstehen und erinnern und Botschaften nachhaltiger verankern.
  • Geschichten transportieren (meistens) positive Botschaften, indem sie Antworten auf die Fragen nach dem besseren Leben und der besseren Gesellschaft geben.

Das ist die Antwort des konventionellen Storytellings auf die Frage, warum wir Geschichten erzählen. Sie ist richtig und wichtig. Die Vorteile, die sie nennt, sind jedoch nicht die wichtigsten Gründe, warum wir Geschichten erzählen. Sie kratzen genau genommen sogar nur an der Oberfläche.

Denn gute Geschichten haben auch eine existenzielle Funktion für uns Menschen:

  • Sie geben Wissen, Werte, Tradition und Kultur weiter.
  • Dadurch legen sie den Grundstein für die Entwicklung unserer Identität und für die Konstituierung und Stabilisierung der Gemeinschaften, denen wir angehören.
  • Damit wiederum ermöglichen sie es uns, in einer chaotischen Welt (Lebens-)Orientierung und Weltsicht, Kontrolle und Sicherheit, Hoffnung und Vertrauen zu gewinnen.
Gute Geschichten sind Wertediskurse.

Diese Kraft haben gute Geschichten, weil sie eine Antwort auf die Fragen geben, wie wir leben sollen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Gute Geschichten sind Wertediskurse. Ohne diese Eigenschaft als Wertediskurs bleiben sie oberflächliche, nichtssagende und vor allem wirkungslose Abfolgen von Ereignissen und Handlungen eindimensionaler und langweiliger Protagonisten.

Wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen

Wer sind wir? Wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen. Das ist die Antwort der narrativen Psychologie. In ihrem Konzept der narrativen Identität bezeichnet sie diese Geschichten als Selbst-Erzählungen. Sie sind eine Form der menschlichen Seins- und Welterschließung. Mit ihnen erschaffen wir Sinnstrukturen und Bedeutungszusammenhänge, konstruieren also subjektiven Sinn in Bezug auf unsere eigene Person und verleihen unserem Leben Bedeutung, indem wir alltägliche Interaktionen, vergangene und gegenwärtige Erfahrungen, Erlebnisse und Ereignisse, unsere Ziele, Sehnsüchte und Ängste, unsere Liebe, Erfolge und unseren Schmerz narrativ organisieren.

Wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen.

Auf diese Weise verschaffen wir uns Selbstgewissheit, Orientierung und Legitimation und damit letztlich Sicherheit. Unsicherheit ist deshalb immer Ausdruck einer Identitätsproblematik. Unsere Selbst-Erzählungen sind allerdings nicht in Stein gemeißelt, sondern flexibel. Identität ist ein »work in progress«, ein dynamisches Selbstkonzept, das in einem (Re)Konstruktionsprozess ständig bekräftigt oder verändert werden muss. Wir gestalten unsere Selbst-Erzählungen um und erzählen sie weiter, indem wir neue Erfahrungen hinzufügen oder alte aufgrund unserer Persönlichkeitsentwicklung anders sehen, neue Zusammenhänge erkennen und unser bisheriges Leben oder Teile davon differenzierter bewerten und narrativ reorganisieren. Dabei spielen alle drei Zeitdimensionen eine Rolle:

• Wer bin ich jetzt?
• Warum bin ich so geworden?
• Wer will ich in Zukunft sein?

Unsere Geschichten verändern sich also, weil wir uns verändern.

Gute Geschichten stiften Identität.

Zugleich treten wir mit ihnen in Beziehungen zu anderen Menschen ein: Wir präsentieren uns ihnen auf eine bestimmte Weise, indem wir eine für sie und für uns selbst kohärente Geschichte von uns erzählen. Auch hier sind unsere Geschichten flexible Konstruktionen: Wir erzählen sie nicht komplett und immer gleich, sondern passen sie unserem jeweiligen Gegenüber an, lassen bei den einen bestimmte Elemente weg, die wir bei anderen hervorheben (wer sich intensiver mit dem Thema Identität und speziell dem Konzept der narrativen Identität beschäftigen will, der oder dem empfehle ich die Bücher und Texte von Dr. Wolfgang Kraus.

Das Interessante an diesem Konzept der narrativen Identität ist, dass es sich auch auf Unternehmen, Parteien, NGOs und sonstige Organisationen übertragen lässt. Wie bei uns Menschen so ist auch ihre Identität das Ergebnis der Geschichten, die sie über sich erzählen. Diese Identität wiederum ist eine wichtige Grundlage für die Möglichkeit des Zustandekommens von Identifikationsbeziehungen, sprich: stabilen und langfristigen Bindungen von Menschen an journalistische Medien, Unternehmen, Parteien etc. Haben sie Probleme damit, dann liegt das genau hieran: an ihrer Identität, an den Geschichten, die sie über sich erzählen. Da auch ihre narrativen Identitäten nichts Feststehendes, sondern gestaltbare Story-Systeme sind, lassen sie sich ebenfalls mit den Werkzeugen des Professionellen Storytellings analysieren und weiterentwickeln.

Die zweite existenzielle Funktion von guten Geschichten besteht darin, dass sie die Kraft haben, Gemeinschaften zu konstituieren. Aus der Perspektive des Professionellen Storytellings bilden Menschen eine Gemeinschaft, wenn sie an die gleichen Geschichten glauben, sie gemeinsam Geschichten erlebt haben, ihre Geschichten eine gemeinsame Herkunft und ein bestimmtes Verständnis der Vergangenheit begründen und /oder sie eine Vision vom besseren Leben und der besseren Gesellschaft zeichnen, also die gemeinsame Sehnsucht nach einer wünschenswerten Zukunft beschreiben.

Gute Geschichten konstituieren Gemeinschaften.

Das ist einer der Hauptgründe, warum Menschen an Geschichten glauben, sich mit ihnen bzw. ihren Erzählerinnen und Erzählern identifizieren und ihnen folgen: Sie zeichnen Visionen von einem besseren Leben und einer besseren Gesellschaft und geben den Menschen damit Hoffnung. Wem es gelingt, solche Geschichten glaubwürdig zu erzählen, der wird gelesen, geschaut, gehört, gekauft und gewählt. Zugespitzt könnte man also formulieren: Die bessere Geschichte gewinnt. Und die beste Geschichte ist die, mit der sich die meisten Menschen identifizieren.

Der Historiker Yuval Noah Harari von der Hebrew University of Jerusalem erläutert diese Kraft in seinem TED-Talk »What explains the rise of humans?« aus dem Jahr 2015 mit einem schönen Bild:

You can never convince a chimpanzee to give you a banana by promising him »… after you die, you‘ll go to chimpanzee heaven and you‘ll receive lots and lots of bananas for your good deeds. So now give me this banana.« No chimpanzee will ever believe such a story. Only humans believe such stories, which is why we control the world.

Manche Geschichten schaffen es sogar, über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg Gemeinschaften zu erhalten, bevor sie dann doch irgendwann »ausglühen«. Man kann das gut anhand des Christentums nachvollziehen. Als Erzählgemeinschaft basiert es auf einer stabilen Meta-Erzählung, in deren Sinnstrukturen die Menschen ihre Selbst-Erzählungen einbetten. Dadurch wird diese Erzählung zu einem Teil der Identität dieser Menschen, die auf diese Weise eine Gemeinschaft bilden. In unseren westlichen Gesellschaften hat das Christentum in den letzten Jahren jedoch einen Bedeutungswandel erfahren und für viele Menschen ihre Anziehungskraft und damit ihre identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion verloren. Dafür sind es heute andere Geschichten, die Sinnstrukturen anbieten, in die wir unsere Selbst-Erzählungen einbetten können: Europa, Demokratie, Globalisierung, Feminismus, Veganismus, Leistungsoptimierung, Apple, FC Bayern München, aber auch Nationalismus, Autoritarismus etc. Europa, Demokratie und Globalisierung verlieren ebenfalls seit geraumer Zeit ihr Identifikationspotenzial. Der Grund dafür ist, dass ihre Sinnstrukturen nicht mehr funktionieren und viele Menschen ihren Geschichten vom besseren Leben und der besseren Gesellschaft nicht mehr glauben, weil sie in ihrem Alltag gegenteilige Erfahrungen machen oder Angst davor haben, solche Erfahrungen machen zu müssen. Geschichten lassen sich also letztlich als ein Mittel der Beziehungsgestaltung verstehen: Sie stellen Beziehungen her, erhalten sie aufrecht, vertiefen oder zerstören sie.

Geschichten sind ein Mittel der Beziehungsgestaltung.

Versteht man die Funktion von Geschichten und von Storytelling auf diese Weise, dann hat jede und jeder, die oder der Geschichten erzählt, eine Verantwortung – Verantwortung für die Werte, die sie oder er vermittelt und vertritt, für das Bild vom besseren Leben, das sie oder er zeichnet, für die Vision von Gesellschaft, die sie oder er entwirft.

Wer Geschichten erzählt, hat Verantwortung.

Wer Geschichten erzählt, muss sich seiner Einflussnahme auf Werte und Identitätsbildung und auf gesellschaftliche (Fehl)Entwicklungen bewusst sein. Egal ob fiktional in Filmen, Romanen, Theaterstücken, Hörspielen und Games oder non-fiktional im Journalismus, in der Unternehmenskommunikation oder in der Politik – Geschichten formen Menschen und Gesellschaften. Ohne sie gibt es keine Identität und keine solidarischen Gemeinschaften. Sie nehmen gesellschaftliche Themen, Werte, Aspekte, Konflikte und Dynamiken auf, verarbeiten sie und spiegeln sie in die Gesellschaft, zu den Menschen zurück, verstärken und überhöhen dabei die einen und schwächen andere ab. Diese Verantwortung haben nicht nur Geschichten- und Storyerzählerinnen und -erzähler, sondern alle, die Inhalte produzieren, unabhängig davon, in welcher Form sie sie vermitteln. Schaut man sich jedoch die Unmengen an Inhalten und Storys an, die tagtäglich veröffentlicht werden, lässt sich leicht der Eindruck gewinnen, dass dieser Verantwortung nicht immer alle gerecht werden.

Professionelles Storytelling ist immer konstruktiv, lösungsorientiert und optimistisch.

Warum erzählen wir also Geschichten? Wir erzählen Geschichten um zu unterhalten, Werte, Wissen und Botschaften zu vermitteln, die Realität zu verstehen und zu gestalten, unsere Identität zu entwickeln, um uns anderen zu präsentieren und damit Beziehungen zu gestalten, Gemeinschaften zu konstituieren und anzugehören, Weltsicht, Orientierung und Sicherheit zu erlangen – kurz: um unser Leben und die Gesellschaft zu organisieren und zu verbessern. Oder um das Gegenteil zu bewirken. Geschichten können auch destruktiv sein. Da es aber schon mehr als genug Destruktivität in der Welt gibt, ist Professionelles Storytelling immer konstruktiv, lösungsorientiert und optimistisch. Wie es eingesetzt werden kann, um positive Wirkungen zu erzielen und negative zu vermeiden, darum geht es in diesem Blog und in meinem Storytelling-Handbuch.

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