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Warum funktioniert Professionelles Storytelling?

Professionelles Storytelling wendet die dramaturgischen Werkzeuge, Methoden und Strategien der Entwicklung und Erzählung fiktiver Geschichten auf die Realität an. Diese Vorgehensweise bezeichne ich als „dramaturgisches Denken“, als „Storythinking“.

Professionelles Storytelling wurzelt in der fiktionalen Dramaturgie.

Dramaturgisches Denken entstammt der fiktionalen Dramaturgie, jenem System aus Prinzipien, Erfahrungswerten, Denk- und Handlungsweisen, derer sich fiktional arbeitende Autorinnen und Autoren bedienen, um ihre Drehbücher, Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Games zu schreiben. Sie ist die theoretische und praktische Grundlage des professionellen Geschichtenerzählens. Als solche beschäftigt sie sich mit dem Wesen, der Funktionsweise und der Bedeutung von Geschichten, den Werkzeugen zu ihrer Entwicklung und Erzählung, den Arbeitsmethoden und Denkweisen fiktionaler Autorinnen und Autoren sowie den Strategien und Prozessen der Entwicklung fiktiver Inhalte.

Fiktion als verdichtete Nachahmung von Realität

Warum funktioniert diese Übertragung fiktionaler Prinzipien auf die Realität? Sie funktioniert, weil die Realität die Grundlage und der Bezugspunkt von Fiktion ist. Fiktion ist Mimesis, die verdichtete Nachahmung von Realität. Zwischen realer Welt und fiktiven Welten besteht eine „Strukturhomologie“. Die fiktionale Dramaturgie beschreibt demnach menschliche Eigenschaften und Persönlichkeiten, Ziele und Motivationen, Sehnsüchte und Ängste, antagonistische Kräfte und Konflikte, Beziehungen und ihre Dynamiken, Entwicklungsprozesse und Veränderungen, aus den Realität entsteht und macht sie anwendbar, sowohl fiktional als auch non-fiktional.

Zwischen realer Welt und fiktiven Welten besteht eine „Strukturhomologie“.

Die Entstehung der fiktionalen Dramaturgie

Um zu verstehen, warum Dramaturgie und Realität zwei Seiten einer Medaille sind, muss man sich die Entstehung der Dramaturgie und die (ursprüngliche) Funktion des Geschichtenerzählens anschauen.

Die fiktionale Dramaturgie ist keine Erfindung eines geschäftstüchtigen amerikanischen Drehbuch-Gurus, der sich eine Technik zum Geschichtenerzählen ausgedacht hat, um sich damit dumm und dämlich zu verdienen. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Analyseprozesses. Die erste uns bekannte Analyse dieser Art stammt von Aristoteles. Er hat die zu seiner Zeit existierenden Tragödien und Epen analysiert und seine Erkenntnisse in der Poetik (ca. 335 v.Chr.) festgehalten. Sie ist gewissermaßen der erste »Dramaturgie-Ratgeber« der Menschheit. Im Großen und Ganzen sind ihre Prinzipien heute noch gültig.

Die Poetik von Aristoteles als erster „Dramaturgie-Ratgeber“ der Menschheit

Genauso ist das populäre dramaturgische Modell der „Heldenreise“ das Ergebnis einer Analyse: In den 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts analysierte der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell zahlreiche Mythen von Kulturen, die zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten existierten, also weder Kontakt untereinander noch Austausch miteinander gehabt haben können. Dabei stellte er fest, dass sie alle nach dem gleichen Muster ablaufen und es also so etwas wie ein erzählerisches Ur-Schema, ein ur-menschliches, archetypisches Erzählmuster geben muss, das tief im Menschsein verwurzelt ist. Seine Ergebnisse hielt er in seinem Buch Der Heros in tausend Gestalten  fest.

Das mythologische Modell der Heldenreise als archetypisches Erzählmuster

In den 80-er Jahren übertrug der amerikanische Scriptconsultant Christopher Vogler in seinem Buch Die Odyssee des Drehbuchschreibers Campbells Erkenntnisse auf das Drehbuchschreiben. Seitdem arbeitet Hollywood intensiv mit diesem Modell, aber auch Arthouse-Filme wie American Beauty von Alan Ball und Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov erzählen Heldenreisen.

Der deutsche Autor Joachim Hammann geht in seinem Buch Die Heldenreise im Film unter anderem der Frage nach, was Mythen eigentlich sind und wo sie herstammen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Mythen erzählte Initiationsriten sind. Worum geht es in einer Initiation? Durch eine Initiation steigt ein Mensch in einen anderen Seinszustand auf, vom Kind zum Erwachsenen, von der Novizin zur Nonne, vom einfachen Stammesmitglied zum Schamanen. In Initiationen geht es also um reale Veränderungsprozesse, die in Mythen abgebildet werden.

Mythen als erzählte Initiationsriten

Deshalb erzählen die meisten und auf jeden Fall die besten Geschichten von einer dramaturgisch sogenannten „Charakterentwicklung“: Am Ende der Geschichte ist die Hauptfigur ein anderer Mensch geworden, sie hat etwas hinzugelernt, ihr Werte- und ihr Moralsystem revidiert, ihre Sichtweise und ihre Weltsicht neu justiert, ihre Überzeugungen und ihre Glaubenssätze positiv verändert, sie denkt, fühlt und gestaltet ihre Beziehungen konstruktiv usw. (da sich auch die Werkzeuge der Heldenreise im Storytelling anwenden lassen, werden sie in diesem Blog ebenfalls ausführlich dargestellt).

Die Entstehung des Geschichtenerzählens

Das Geschichtenerzählen ist also älter als die fiktionale Dramaturgie. Wann die Menschen angefangen haben, Geschichten zu erzählen, wissen wir nicht, und werden es wohl auch nie erfahren. Man kann die Höhlenmalereien schon als eine frühe Form des Geschichtenerzählens begreifen. Die mit fast 4000 Jahren älteste schriftlich überlieferte Geschichte der Menschheit ist das Gilgamesch-Epos: Gilgamesch ist der tyrannische Herrscher von Uruk. Nachdem sein Gefährte Enkidu stirbt, bricht er in die Welt auf, um Unsterblichkeit zu finden, erlangt stattdessen jedoch Weisheit und kehrt als gütiger Herrscher nach Uruk zurück.

Das Gilgamesch-Epos als älteste schriftlich überlieferte Geschichte der Menschheit

Diese Geschichte erzählen wir im Grund noch heute in unendlichen Variationen: Jemand bricht auf in eine unbekannte Welt – die nicht nur geografisch verstanden werden darf, sondern mental, emotional oder seelisch neu sein kann – und macht dort Erfahrungen, die ihn verändern. Auch das Gilgamesch-Epos erzählt also von Veränderungsprozessen. Sie sagen etwas darüber aus, was es heißt, ein Mensch zu sein, darüber, was wir tun und wie wir uns verändern müssen, um glücklich zu werden. Das gilt auch für Geschichten mit einem negativen Ende. Denn in der Regel enden sie negativ, weil die Hauptfigur keine oder eine falsche Entwicklung macht. Würde sie sich positiv verändern, wäre sie am Ende glücklich. Auf diese Weise geben solche Geschichten gewissermaßen „ex negativo“ eine Antwort auf die Frage, wie wir uns verändern müssen, um glücklich zu werden.

Professionelles Storytelling als Interpretation von Realität

Das Interessante in unserem Zusammenhang ist, dass Gilgamesch vermutlich eine reale Person war. Das heißt, dass Geschichten ursprünglich keine Fiktion waren, sondern der Geschichtsschreibung dienten (und wohl auch dem Erlangen und dem Erhalt von Macht). Das heißt nicht, dass sie nach unserem heutigen Verständnis immer wahr gewesen sein mussten. „Wahrheit“ auf das Geschichtenerzählen anzuwenden, ist ein Kategorienfehler. Geschichten können überhaupt nicht lügen, sie sind weder wahr noch falsch, sondern gut oder schlecht. Sie dokumentieren die Realität nicht, sondern interpretieren sie, um sie in ihrer Komplexität zu verstehen, Aussagen über sie und über das bessere Leben zu treffen und sie gestaltbar zu machen. Die fiktionale Dramaturgie liefert das Denksystem dafür.

Geschichten sind weder wahr noch falsch, sondern gut oder schlecht.

Würden Geschichten nicht die Realität nachahmen, würden wir sie erst gar nicht verstehen, geschweige denn, dass sie uns emotional berühren könnten. Das können sie nur, indem sie uns spiegeln, unsere Ängste, Sehnsüchte, Verletzungen, Konflikte und unsere Erfahrungen, die wir mit der Welt, mit anderen Menschen und mit uns selbst machen – indem sie dann letztlich doch auf eine bestimmte Weise „wahr“ sind.
Die fiktionale Dramaturgie ist also nicht nur eine Technik, um Geschichten zu erfinden, sondern eine Methode, mit der wir die Realität wahrnehmen, Konflikte analysieren, Ursachen ergründen, Zusammenhänge herstellen, Entwicklungsprozesse verstehen, Bedeutungen begreifen, Motivationen erfassen, Perspektiven nachvollziehen, Komplexitäten durchschauen, Lösungen entdecken, Inhalte entwickeln, Storys erzählen und letztlich die Welt und das Leben verstehen und gestalten können. Dient sie nicht dem Entwickeln und Erzählen fiktiver Geschichten, wird sie zum Storytelling.

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