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Wie funktioniert Professionelles Storytelling?

Professionelles Storytelling ist ein bestimmter Frage-Antwort-Synthese-Prozess, eine systematische Denkweise, die von bestimmten Fragen geleitet wird, zu bestimmten Antworten = Erkenntnissen führt und die einzelnen Antworten zu einem bedeutungsvollen und sinnhaften Ganzen = Inhalten verknüpft:

Was ist das kognitive und das emotionale Thema? Wer ist der Hauptprotagonist? Was ist sein dramatisches Ziel? Was ist seine Motivation, der Grund, warum er dieses Ziel erreichen will? Wer sind seine antagonistischen Kräfte? Wie verändert er sich oder wie verändert er eine andere Person, seine Mitmenschen, einen Zustand, eine Situation, einen Prozess, die Gesellschaft, die Welt? Wie ist der zentrale Konflikt entstanden, wie wird oder wurde er ausgetragen und wie wird, wurde oder könnte er aufgelöst werden?

Professionelles Storytelling als Fragekatalog und Bedienungsanleitung

Professionelles Storytelling lässt sich also verstehen als ein ausdifferenzierter Fragekatalog, der weit über die klassischen W-Fragen hinausgeht, und als eine Bedienungsanleitung für das bedeutungsstiftende Verbinden der Antworten. Diesen Katalog und diese Anleitung anzuwenden, diese Denkweise bezeichne ich als „dramaturgisches Denken“, als „Storythinking“.

Dramaturgisches Denken entstammt der fiktionalen Dramaturgie, jenem System aus Prinzipien, Erfahrungswerten, Denk- und Handlungsweisen, derer sich fiktional arbeitende Autorinnen und Autoren bedienen, um die Geschichten ihrer Drehbücher, Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Games zu entwickeln und zu erzählen. Sie ist die theoretische und praktische Grundlage des professionellen Geschichtenerzählens. Als solche beschäftigt sie sich mit dem Wesen, der Funktionsweise und der Bedeutung von Geschichten, den Werkzeugen zu ihrer Entwicklung und Erzählung, den Arbeitsmethoden und Denkweisen fiktionaler Autorinnen und Autoren sowie den Strategien und Prozessen der Entwicklung fiktiver Inhalte. Professionelles Storytelling wendet diese Werkzeuge, Methoden und Strategien auf die Realität an.

Für alle, die nicht fiktional arbeiten, ist dramaturgisches Denken interessant, weil es ihm reichlich egal ist, ob mit ihm fiktive Geschichten entwickelt oder reale Ereignis und Personen bearbeitet werden (warum das so ist und funktioniert, erfahren Sie in dem Text „Warum funktioniert Professionelles Storytelling?“). Es lässt sich anwenden, um journalistische Themen zu finden und Inhalte für journalistische Beiträge zu entwickeln; mit ihm lassen sich Unternehmen, Produkte, Visionen, Strategien und Zielgruppen durchleuchten, um Weiterentwicklungen anzustoßen, Inhalte zu generieren und authentisch zu kommunizieren; es ist ein Werkzeug, um Parteien, ihre Politik und gesellschaftliche Konflikte zu analysieren, überzeugende politische Visionen und glaubwürdige Inhalte für politische Programme und Wahlkämpfe zu entwickeln; es kann dazu beitragen, den Misserfolg eines Projekts zu ergründen und aus den Fehlern zu lernen; es hilft, den Streit mit dem Nachbarn zu analysieren und Lösungsmöglichkeiten zu finden; die Gründe für das Scheitern einer Liebesbeziehung nachzuvollziehen und Rückschlüsse daraus abzuleiten, wie man es in Zukunft besser machen kann; es kann Erkenntnisse darüber liefern, warum die Familie zerrüttet ist und wie sie wieder ins Lot gebracht werden kann; welche Funktion unsere Ängste haben und wie wir mit ihnen umgehen können und so weiter und so fort. Wie und in welchem Kontext auch immer dramaturgisches Denken angewendet wird, seine Fragen, die Antworten auf sie und ihre Verknüpfung führen immer zu Erkenntnis- und Verständnisprozessen, zu relevanten Inhalten und zu Gestaltungs- und Handlungsoptionen.

Professionelles Storytelling als Qualitäts- und Relevanzinstrument

Darüber hinaus ist dramaturgisches Denken ein hilfreiches Instrument, um Qualität und Relevanz einzuschätzen. Mit seiner Hilfe lässt sich entscheiden, welche Informationen relevant und welche irrelevant sind, welche Inhalte man braucht, um eine Story zu erzählen und vor allem: welche man weglassen kann. So ist beispielsweise das Werkzeug „dramatisches Ziel“ ein Relevanzkriterium für die Handlungen von Hauptprotagonistinnen und Hauptprotagonisten: Nur die Handlungen sind relevant, mit denen sie versuchen, ihr Ziel zu erreichen, und unter ihnen wiederum nur jene, mit denen sie sich ihrem Ziel annähern, sich von ihm entfernen oder aus denen sie etwas lernen, das sie in ihren nächsten Handlungen anwenden können. Handlungen, die keine Veränderung bewirken, sind nicht relevant. Sie sind undynamisch und damit langweilig. Ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry drückt diesen Relevanz-Aspekt der „Erzählökonomie“ schön aus:

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.

Dieses Zitat ist ein Leitsatz für die Entwicklung von Inhalten nach dramaturgischen Prinzipien. Nicht weil es dazu auffordert, inhaltliche Perfektion anzustreben. Das ist ineffizient, da unerreichbar, und wirkt sich nur negativ auf das Ergebnis aus. Sondern weil es Relevanz als ein zentrales Kriterium für die Qualität von Inhalten beschreibt:

Was ist wirklich wichtig für die Menschen und die Gesellschaft? Welche Themen sind relevant für sie? Welche Inhalte sind relevant, um diese Themen darzustellen?

So ist beispielsweise nicht alles, was außergewöhnlich, interessant, schrill oder skandalös ist, zugleich auch relevant – eine Verwechslung, die häufig auftritt.

Die drei Kompetenzen des Professionellen Storytellings

Professionelles Storytelling zu betreiben, ist im Prinzip also recht einfach: Man stellt Fragen, findet Antworten darauf und verknüpft die einzelnen Antworten zu einem großen Ganzen.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Denn entscheidend ist zum einen die Fähigkeit, die richtige Frage zur richtigen Zeit der richtigen Quelle zu stellen. Hierfür braucht es zunächst einmal Wissen über die dramaturgischen Werkzeuge und ihre Anwendungsmöglichkeiten sowie ein Verständnis der Funktionsweise von Storys. Es braucht aber auch Erfahrungen in der Anwendung dieses Wissens und dieses Verständnisses, also der eigenen dramaturgischen Analyse von Realität, der dramaturgischen Entwicklung von Inhalten und der dramaturgischen Gestaltung von Storys.

Dieses Wissen vermittle ich Ihnen in diesem Blog und in meinem Storytelling-Handbuch. Hier und dort analysiere ich auch zahlreiche Beispiele, um gewissermaßen die Erfahrungen nachzuzeichnen, die andere in der Anwendung dieser Werkzeuge gemacht haben – oder hätten machen können.

Zum zweiten braucht es die nötige Kompetenz, um Qualität, Relevanz, Wahrheitsgehalt und Storypotenzial der Antworten beurteilen zu können. Wie eine Idee, so kann man eine Antwort nur dann bewerten, wenn man andere Ideen und Antworten kennt und sie miteinander in Beziehung setzt. Dramaturgisches Denken ist deshalb immer multiperspektivisch und -dimensional. Man muss also auch dieselbe Frage zu einem anderen Zeitpunkt an eine andere Quelle richten und entsprechend auch hier wissen, was die richtige Frage, die richtige Zeit und die richtige Quelle ist.

Und drittens braucht es ein Denksystem und die nötige Denkkapazität, um die einzelnen Antworten auf intelligente Weise miteinander zu einem System von Bedeutungszusammenhängen und Sinnstrukturen zu verknüpfen. Dramaturgisches Denken listet nicht nur dramaturgische Fragen auf, die es abzuarbeiten gilt – dann wäre sie bloß ein Katalog -, sondern verbindet sie zu einem ganzheitlichen System aus philosophischen Denkanteilen, um Themen zu ergründen und Bedeutungen zu erfassen, psychologischen Denkanteilen, um Ziele und Motivationen nachzuvollziehen, und logischen Denkanteilen, um Kausalchronologien von Prozessen und Konflikten zu verstehen.

So beziehen sich beispielsweise die „Motivation“ einer Hauptprotagonistin oder eines Hauptprotaginsten und das „emotionale Thema“ als „universeller Wert“ aufeinander. Wenn man weiß, welche Sehnsucht sie oder ihn im tiefsten Inneren antreibt, dann kennt man das emotionale Thema: Kämpft eine Hauptprotagonistin für Freiheit, dann ist Freiheit das emotionale Thema. Anders herum gilt: Kennt man das emotionale Thema, dann weiß man, aus welcher Sehnsucht sich die Motivation speisen muss: Ist Gerechtigkeit das emotionale Thema, dann muss der Hauptprotagonist ungerecht behandelt werden und / oder Gerechtigkeit realisieren wollen.

Auf die gleiche Weise sind das „dramatische Ziel“ der Hauptprotagonistinnen und Hauptprotagonisten mit dem „ersten Wendepunkt“ und dem „Höhepunkt“ auf der strukturellen Ebene miteinander verknüpft: Kennt man das dramatische Ziel, dann weiß man, dass die Entscheidung, aktiv zu handeln, um es zu erreichen, der erste Wendepunkt der Struktur der Konfliktentwicklung ist und dass der Moment, in dem das Ziel endgültig erreicht oder für immer verloren ist, die Konfliktauflösung im Höhepunkt darstellt. Kennt man anders herum die Auflösung eines Konflikts und weiß, was die Hauptprotagonistin oder der Hauptprotagonist bekommt oder verliert, kann man auf das dramatische Ziel rückschließen.

Professionelles Storytelling ist schön, macht aber viel Arbeit.

Wie hat Karl Valentin gesagt? „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Auch wenn dramaturgisches Denken die theoretische und praktische Grundlage einer Kunstform ist, halte ich Storytelling nicht für eine Kunst. Viel Arbeit macht es trotzdem. Aber schön ist es auch.

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