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„Schlechte Zeiten“ – das Multi-Protagonisten-Modell im Journalismus

Laura Backes zeigt in ihrem SPIEGEL-Artikel SCHLECHTE ZEITEN auf schöne Weise, wie man mit dem Multi-Protagonisten-Modell Inhalte zu Themen erarbeiten und darstellen kann, für die es kein einfaches „richtig“ oder „falsch“ gibt, wie man damit ein gewisses Maß an Objektivität und Neutralität erzielt und den Vorwurf der Einseitigkeit vermeidet.

In dem Artikel geht es um das kognitive Thema „psychische Erkrankung der Partnerin oder des Partners“, um das emotionale Thema (= universeller Wert) „Gemeinschaft“ (verstanden als Ehe bzw. lebenspartnerschaftliche Beziehung) und um die zentrale Frage „Kann eine Beziehung mit einer psychisch kranken Partnerin oder einem psychisch kranken Partner funktionieren?“

Das Multi-Protagonisten-Modell

Auf zentrale Fragen dieser Art gibt es keine allgemeingültige Antwort. Laura Backes löst dieses Problem, indem sie von zwei Protagonisten erzählt, deren Partner jeweils psychisch erkrankt ist. In der einen Geschichte trennt sich der Protagonist von seinem Partner am Ende der Geschichte, in der zweiten führt er die Beziehung trotz psychischer Erkrankung weiter. Der Artikel funktioniert vor allem deshalb, weil die Rezipientinnen und Rezipienten sich mit allen vier ProtagonistInnen bis zum Schluss identifizieren und sowohl die Entscheidung zur Trennung als auch die zur Fortführung der Beziehung nachvollziehen können.

Die Arbeit mit zwei ProtagonistInnen, die jeweils ihre eigene Geschichte haben – also jeweils ihr eigenes Ziel verfolgen und es unabhängig voneinander erreichen oder nicht – wird als Multi-Protagonisten-Modell bezeichnet. In ihm versuchen mehrere Hauptprotagonistinnen oder Hauptprotagonisten unabhängig voneinander ihren je eigenen Konflikt zu lösen. Entsprechend werden mehrere Geschichten erzählt.

Hieraus ergibt sich ein Vorteil des Multi-Protagonisten-Modells: Es ermöglicht es, zu einem Thema mehrere Geschichten zu erzählen und damit das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Insbesondere dann, wenn es zu einem Thema verschiedene oder sich widersprechende, aber gleichberechtigte Standpunkte gibt und man keinem den Vorzug geben will – wie in dem Artikel von Laura Backes -, eignet sich dieses Modell.

Das Single- und Plural-Protagonisten-Modell

Neben dem Multi- gibt es noch zwei weitere Protagonisten-Modelle: das konventionelle und gängige Single-Protagonisten-Modell und das Plural-Protagonisten-Modell (plus Mischformen). Single-Protagonist heißt, dass eine einzige Person den zentralen Konflikt der Geschichte lösen will. Im Plural-Protagonisten sind es mehrere Personen, die gemeinsam versuchen, den Konflikt zu lösen und denen es gemeinsam gelingt oder die gemeinsam scheitern. In beiden Fällen wird im Gegensatz zum Multi-Protagonisten-Modell jeweils nur eine Geschichte erzählt. Eine grundlegende Frage, die man sich schon früh bei der Erschließung des Themas stellen sollte, lautet deshalb:

  • Reichen ein Single- oder Plural-Protagonist aus, um die verschiedenen Aspekte des kognitiven Themas und des universellen Wertes zu transportieren und die möglichen Standpunkte dazu abzubilden oder bedarf es eines Multi-Protagonisten?

Multi-Plot-Storys

Das Multi-Protagonisten-Modell ergibt immer sogenannte Multiplot-Storys. Die ProtagonistInnen und Konflikte können sich dabei gegenseitig beeinflussen oder unabhängig voneinander funktionieren. Funktionieren sie unabhängig voneinander, stellt sich die Frage, was sie miteinander zu tun haben und warum sie gemeinsam in einer Erzählung erzählt werden. Verbindende Elemente können beispielsweise der Ort und die Zeit sein – alle Geschichten spielen am gleichen Ort und / oder zur gleichen Zeit -, ein bestimmtes Ereignis, von denen alle Protagonistinnen und Protagonisten betroffen sind, eine soziale Schicht, der sie entstammen oder die gleiche thema- und werteorientierte Dimension.

Das emotionale Thema als verbindendes Element

Die Arbeit mit dem emotionalen Thema beispielsweise lässt zwei Varianten zu: In der ersten folgen alle Hauptprotagonistinnen und Hauptprotagonisten demselben universellen Wert, haben also dieselbe Motivation, den Konflikt zu lösen. In diesem Fall unterscheiden sie sich in ihren Handlungen und der Auflösung des Konfliktes: Die Story erzählt, auf welche verschiedenen Weisen versucht werden kann, einen Konflikt zu lösen und auf welche verschiedenen Weisen er tatsächlich gelöst wird.

In der zweiten Variante der Arbeit mit dem emotionalen Thema haben die Hauptprotagonistinnen und Hauptprotagonisten unterschiedliche – ihre je eigenen – Motivationen und transportieren damit verschiedene universelle Werte. So kann beispielsweise bei dem kognitiven Thema „Fasten“ eine Protagonistin eine chronische Krankheit heilen wollen (Gesundheit als universeller Wert), ein Protagonist will abnehmen in der Hoffnung, sein Selbstwertgefühl zu erhöhen (Selbstwert) und ein dritter will abnehmen, weil er glaubt, dadurch seine Beziehung retten zu können (Liebe/Gemeinschaft).

Theoretisch ist es möglich, dass diese drei Motivationen in einem einzigen Protagonisten dargestellt werden. Die erzählerischen Nachteile, die eine mehrfache Motivation hat, raten aber davon ab: Fokus und Klarheit können verloren gehen, weil die Rezipientinnen und Rezipienten möglicherwiese die Orientierung verlieren, da sie nicht eindeutig nachvollziehen können, um welchen Wert, welche Motivation und welchen Konflikt es sich gerade dreht bzw. der Protagonist in seinen Äußerungen sie vermischt. Wird jeder Wert von jeweils einer Protagonistin oder einem Protagonisten konkretisiert, wissen sie sofort, um welchen Wert es gerade geht, sobald diese Protagonistin oder dieser Protagonist erzählt wird.

In diesem Anwendungsfall des Multi-Protagonisten-Modells gilt es bei der Recherche und Auswahl der optimalen Hauptprotagonistinnen und Hauptprotagonisten folgende Frage zu berücksichtigen:

  • Stellen die Personen eines Multi-Protagonisten verschiedene universelle Werte dar, die im Kontext des kognitiven Themas auf dem Spiel stehen?

Das Multi-Protagonisten-Modell bringt eine Reihe von Vorteilen. Allerdings bedeutet es auch einen größeren Aufwand hinsichtlich Recherche, Auswahl der optimalen Hauptprotagonistinnen und -protagonisten, Entwicklung der Inhalte und Erzählung der Storys. Dennoch ist es insbesondere für den narrativen Journalismus ein attraktives Modell.