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Angst-Story “Digitale Medien”: “Tagesschau” und “heue journal”

ab Minute 09:45: Medien-Studie: Folgen der Nutzung von Smartphones“

ab Minute 23:53: Studie zum Medienkonsum von Kindern (Die weiterführenden Informationen auf heute.de, auf die in der Sendung hingewiesen wird und die ich im Storytelling-Handbuch auf Seite 168 erwähne, sind leider nicht mehr verfügbar.)

Neben dem impliziten und dem expliziten Storytelling als formale Kategorien gibt es noch das Angst- und das Sehnsucht-Storytelling als inhaltliche Kategorien, wodurch vier verschiedene Grundkategorien entstehen:

  • implizites Angst-Storytelling
  • explizites Angst-Storytelling
  • implizites Sehnsucht-Storytelling
  • explizites Sehnsucht-Storytelling

Die „Tagesschau“- und „heue journal“-Beiträge sind Beispiele für ein implizites Angst-Storytelling.

Sehnsucht- und Angst-Storytelling

Sehnsucht- und Angst-Storytelling beziehen sich auf die Gestaltung eines emotionalen Themas und auf die Botschaft, die zu diesem Thema vermittelt wird. Sie zielen immer auf eine Veränderung der Denk- und Verhaltensweisen der Menschen, indem sie Anziehungskraft oder Abstoßungskraft erzeugen.

Emotionale Themen drücken sich als universelle Werte aus: Liebe, Leben, Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Gesundheit, Anerkennung usw.

Sie stellen die Motivation der Hauptprotagonistinnen und -protagonisten dar und sind damit die Antwort auf die Frage nach dem Warum: Warum wollen sie ihre dramatischen Ziele erreichen?

Mit universellen Werten sind zwei Emotionen verknüpft: Sehnsucht und Angst – die Sehnsucht nach ihrer Realisierung oder Bewahrung und die Angst vor ihrer Zerstörung. Sehnsucht und Angst sind unsere beiden stärksten Antriebskräfte: Wir handeln, um unsere Sehnsüchte zu befriedigen und/oder das Wahrwerden unserer Ängste zu verhindern.

Sehnsucht-Storys bauen auf der Frage nach der größten Sehnsucht der Hauptprotagonistinnen und -protagonisten auf, auf ihren Vorstellungen von einem glücklichen Leben, das in der Realisierung dieser Werte besteht, und stellen ihnen die Erfüllung dieser Sehnsucht in Aussicht.

Sehnsucht-Storys: Wenn wir unsere Sehnsucht befriedigen, wird es uns bessergehen.

Im Modell der emotionalen Reise erzählen sie von der Hoffnung – Alles wird immer besser – und beschreiben, was wir tun müssen, um uns der Realisierung unserer größten Sehnsucht anzunähern.

Sehnsucht-Storys sind eutopisch und konstruktiv: Wenn wir es so und so machen, dann werden wir unsere Sehnsucht befriedigen und ein besseres Leben führen. Die Grundaussage von Sehnsucht-Storys lautet: Wenn wir unsere Sehnsucht befriedigen, wird es uns bessergehen.

Angst-Storys thematisieren hingegen die größte Angst der Hauptprotagonistinnen und -protagonisten, ihre Vorstellungen vom Schlimmsten, was ihnen passieren kann, und zeichnen ein Bild vom Wahrwerden dieser größten Angst.

Angst-Storys: Wenn wir das Wahrwerden unserer größten Angst nicht verhindern, wird es uns schlechter gehen.

Sie erzählen die Phase der Katastrophe der emotionalen Reise – Alles wird immer schlimmer – und beschreiben, was uns Schlimmes bevorsteht, wenn wir nichts ändern.

Angst-Storys sind dystopisch und wirken oft, aber nicht immer destruktiv: Wenn es so und so weitergeht, bewahrheitet sich unsere größte Angst und wir stürzen ins Verderben. Die Grundaussage von Angst-Storys lautet: Wenn wir das Wahrwerden unserer größten Angst nicht verhindern, wird es uns schlechter gehen.

„Digitale Medien“: Angst-Story mit destruktiver Wirkung

Der Tagesschau- und der heute journal-Beitrag erzählen eine implizite Angst-Story zu dem kognitiven Thema »digitale Medien«, einem Thema also, das die Zukunft unserer Gesellschaft wie kaum ein anderes gestalten wird und entsprechend wichtig ist.

Ob es sie positiv oder negativ prägen wird, hängt davon ab, wie wir mit ihm umgehen, welche Storys Medien, Unternehmen und Politik darüber erzählen und welchen von ihnen wir als Individuen und als Gemeinschaft folgen.

Hier herrscht zwischen Sehnsucht-Storys und Angst-Storys ein Wettstreit über Deutungshoheit und Vorherrschaft. In ihren überspitzen Versionen treten sie auf als Erlösungsfantasie – »Digitale Medien sind unsere Rettung « – und als Katastrophenszenario – »Digitale Medien sind unser Untergang«.

Beide Storys verhindern einen konstruktiven Umgang mit dem Thema, die Katastrophen-Story, weil sie den Blick auf das gesellschaftliche Gestaltungspotenzial verstellt, die Erlösungs-Story, weil sie blind für die Risiken macht.

Indem der Tagesschau- und der heute-journal-Beitrag eine Angst-Story über digitale Medien erzählen, erzielen sie eine destruktive Wirkung. Sie tragen dazu bei, dass viele Menschen eine negative Meinung und eine ängstliche und ablehnende Haltung einnehmen.

„Waldsterben“: Angst-Story mit konstruktiver Wirkung

Ein Beispiel für ein Angst-Storytelling mit konstruktiver Wirkung ist die Story vom „Waldsterben“. Sie war in den 90-er Jahren so erfolgreich, weil sie konkrete Bilder hervorruft – ein toter Wald – und dadurch emotionalisiert, und weil sie von einem ungerechtfertigten Leid erzählt – der Wald verursacht sein Leiden nicht selbst, sondern ist Opfer – und damit Empathie auslöst.

Sie erzählt von antagonistischen Kräften, die das Überleben des Waldes bedrohen, und von Hauptprotagonistinnen und -protagonisten, die ihn retten wollen, die ein klares und nachvollziehbares dramatisches Ziel haben, für universelle Werte kämpfen, deren Erhalt jeder Mensch für richtig hält, und deshalb ein hohes Identifikationspotenzial haben.

Klimawandel und Nachhaltigkeit: Storytelling ohne Wirkung

Warum erzielen nun die aktuellen Storys über die kognitiven Themen „Klimawandel“ und „Nachhaltigkeit“ trotz ihrer hohen Relevanz nicht die gleiche Wirkung? Sie sind zwar geradezu omnipräsent und die Notwendigkeit, unser Wertesystem, unser Denken und unser Handeln zu ändern, mittlerweile vielen Menschen im Bewusstsein. Dennoch ändern wir zu wenig und das Wenige zu langsam.

Ein Grund dafür ist, dass die Storys über Klimawandel und Nachhaltigkeit zu weit weg von den Menschen sind. Sie werden zu technisch-naturwissenschaftlich erzählt. Aufgrund dieser Abstraktheit erzeugen sie keine Brisanz, können die Menschen also nicht ausreichend emotionalisieren. Dadurch schaffen sie es weder, die Sehnsucht nach einem guten Leben in einer intakten Natur zu wecken, noch die Angst vor einem schlechten Leben in einer zerstörten Umwelt zu aktivieren.

Darin besteht kommunikativ die größte Herausforderung, wenn wir verhindern wollen, die Erde in einen lebensfeindlichen Planeten zu verwandeln: Wir müssen Storys entwickeln, die die Menschen emotionalisieren und davon überzeugen, dass sie ihr Denken und Handeln ändern müssen – Storys, mit denen sie sich identifizieren und denen sie deshalb folgen (siehe auch „Warum erzählen wir Geschichten?“).